Der Journalist Ralf Klassen über sein Blog OneTV
Seit einigen Wochen mischt der Ex-Stern.de-Macher Ralf Klassen in der Blog-Welt mit – und ordnet als Kenner der TV- und Bewegtbildszene mit OneTV
die Veränderungen im Fernsehmarkt treffsicher ein. Der Journalist geht in einem Interview mit W&V Online auf seine Pläne für OneTV, auf die neuen Player im Bewegtbildmarkt und die Reaktionen der Alteingesessenen ein.
Herr
Klassen, Sie verfolgen als ehemaliger Leiter Digital-TV bei Stern.de
den Bewegtbildmarkt seit Jahren. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt für ein
Blog über TV?
Natürlich. Das gute alte Fernsehen müht sich mit
Neuem ab, die Dynamik der neuen Akteure im Bewegtbildbereich ist
dagegen riesig, aber nicht immer zielgerichtet. Im Kern aber findet eine
Revolution statt, die die gesamte TV-Landschaft radikal verändern wird.
Mit meinem Blog OneTV möchte ich über diese Revolution des Fernsehens
informieren, und dabei auch jene Enden zusammenfügen, die in den zwei
Welten zwischen TV und Netz noch getrennt existieren. Und, das steht nun
nach vielen Gesprächen in den vergangenen Monaten fest: OneTV wird sich
erweitern zu einem Netzwerk von Produktionsfirmen, HiTech-Agenturen,
Vermarktungsexperten und Kreativen, die die Digitalisierung vor allem
auch als Chance für Neues verstehen. Wir beraten nicht nur, wir setzen
auch um, denn auch dafür ist der Bedarf sehr hoch.
Sie vertreten die These "TV-Macher aufgepasst, eure Konkurrenz kommt aus dem Netz!" Wer ist gerade besonders gefährlich?
Bis
vor fünf Jahren hatten wir beim Bewegtbildangebot in Deutschland ein
ganz starres System, in dem sich einige wenige große Akteure mehr oder
weniger kommod eingerichtet hatten. Das ist durch das Web und
insbesonders YouTube vollkommen aufgebrochen worden. Die Nutzer, aber
auch viele, vor allem junge Produzenten haben sich auf die neue
Situation eingestellt. Aber die Sender hinken hinterher, obwohl die neue
Konkurrenz immer mehr aufrüstet: Amazon hat ganze Web-Serien in Auftrag
gegeben, mit Dreamworx produziert erstmals ein Major-Filmstudio für
Netflix, die Kinopremieren großer Blockbuster werden in absehbarer Zeit
online auf den Portalen großer Marken gestreamt werden. Und YouTube
richtet auf der ganzen Welt Studios ein und stellt sie jungen
Videomachern günstig zur Verfügung.
Wie bewerten Sie den Umgang der TV-Branche mit den Veränderungen?
Leider
reagieren viele Manager immer noch mit einer gewissen Hybris, mit der
die Digitalisierung auch in anderen Branchen aufgenommen worden ist.
Erst hat es die Musikbranche erwischt, dann Print - und nun TV. Die
Fernsehbranche sollte nicht, wie die Vorgenannten es lange Zeit getan
haben, mit Arroganz an die neue Situation herangehen. Sicher, noch immer
sind die Zuschauerquoten für das lineare Fernsehen groß, im Gegensatz
zu den fünf- bis sechsstelligen Zahlen im Web oder bei den
VoD-Angeboten. Aber alles zusammengenommen, raubt die Fragmentierung den
Großen eben schon jetzt eine gewaltige Anzahl von Zuschauern. Die
alteingesessenen Player im TV bleiben wohl erhalten, aber sie müssen
dafür aktiver bei der Fragmentierung der Nutzerinteressen mitmachen.
Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als Spartensender wie RTL Nitro
oder ProSieben Maxx zu gründen, weil der große Gemischtwarenladen als
einziger Kanal nicht mehr funktioniert.
Was raten Sie RTL und Konsorten?
Vor
allem sollten die traditionellen TV-Akteure den Wandel zum Anlass
nehmen, nicht nur eine technologische, sondern auch eine inhaltliche
Neuausrichtung ihrer Programme anzugehen. Sehgewohnheiten und
Zuschauerbedürfnisse haben sich fundamental verändert. Das
On-Demand-Denken muss sich auch in der kreativen Leistung widerspiegeln.
Auch beim Second Screen und im Social TV stehen die Macher des
klassischen Fernsehens noch ganz am Anfang. All diese Umbrüche werden
aber nur von einigen Wenigen in den Sendern verfolgt und vorangetrieben.
Die große Masse, auch vieler TV-Kritiker übrigens, kämpft immer noch an
uralten Fronten. Dabei ist zum Beispiel jede Diskussion über "Wetten,
dass..?" doch längst überflüssig. Ob diese aus der Zeit gefallene Show
mit wem oder wie auch immer nun zwei oder drei Millionen Zuschauer mehr
oder weniger holt – das ist doch ein Nebenkriegsschauplätzchen
angesichts des neuen Fernsehens.
Videoangebote finden sich allerorten – welches Medienhaus kann es besonders gut?
"Bild"
macht das aus meiner Sicht nicht immer inhaltlich, aber strategisch
sehr gut. Der Kauf der Rechte für die Bundesliga-Highlights für bild.de
ist ein überaus kluger Schachzug und ein Durchbruch für das neue
digitale TV-Geschäft, weil Springer die Phalanx der Bundesliga-Sender
sprengt und sich als dritter Player im Markt positioniert – gerade
jetzt, wo die mobile Nutzung von Videoinhalten so stark ansteigt.
Spiegel Online zeigt gute Ansätze, könnte meiner Meinung nach aber noch
mehr aus seiner Verquickung mit Spiegel TV herausholen, vor allem im
multimedialen Bereich, in der Verknüpfung von Text, Bild, Grafik und
Video. Und bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zeigt das ZDF immerhin
konsequent den Willen zu Experimenten. Von der ARD kommt da ja gar
nichts.
Apropos "Bild"-Familie: Wie bewerten Sie deren neues Bezahlmodell Bild Plus?
Das
ist ein schwieriges Thema. Ich bin ein Anhänger der offenen Systeme und
der Syndizierung. Eigentlich müssten sich Medien von der Denkweise
verabschieden, dass sie Inhalte sammeln, sie dann hinter einer
Aboschranke verstecken und darauf warten, dass der Nutzer schon kommt.
Das gilt für Print und TV wie für Online. Die Medien müssten für ihre
Inhalte stärker auch außerhalb ihrer eigenen abgeschlossenen Welt
trommeln, sie aktiv an den Leser oder Zuschauer bringen, nicht nur bei
Google News. Deutsche Verlage waren doch immer stark dank ihrer
Vertriebsstrukturen. Aber wo bleiben jetzt die Ideen für den
elektronischen Vertrieb?
Quelle:
www.wuv.de